Liebe Freunde, liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

in diesem Monat treten wir in die Tage der Vorbereitung auf eines der freudigsten Ereignisse in der Menschheitsgeschichte ein – die Menschwerdung Gottes des Wortes (des Logos), Welcher von der Jungfrau geboren wurde. Die Gottesmutter wird von der gesamten christlichen Welt verehrt und seliggepriesen. Wir ehren und preisen sie als Gottesgebärerin (Theotokos) und als die Gesegnetste unter den Frauen, da sie würdig befunden wurde, den Erlöser der Welt, unseren Herrn Jesus Christus, zu gebären. Vorabend und Beginn dieser gnadenreichen Zeit sind eine günstige Gelegenheit für gegenseitige Vergebung, Umkehr, Beichte und die Vertiefung des persönlichen Gebets.

Das Fasten ist keine Diät, sondern vor allem ein freiwilliges geistliches Ringen und ein Ausdruck der Liebe zu Gott, zum Nächsten und zu sich selbst! Die Enthaltsamkeit von bestimmten Speisen ist nur ein Hilfsmittel im Kampf gegen die Sünde, das seine Fülle und Vollendung im Heiligen Sakrament der Eucharistie (der Heiligen Kommunion) findet. Der Herr Jesus Christus gibt uns klare Anweisungen, wie wir das Fasten einhalten sollen, damit es nicht zu einem heuchlerischen Bekenntnis des Glaubens – also zu einem bloßen äußeren Schein – wird: „Wenn ihr aber fastet, sollt ihr nicht sauer sehen wie die Heuchler; denn sie verstellen ihr Angesicht, um sich vor den Menschen zu zeigen mit ihrem Fasten. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du aber fastest, so salbe dein Haupt und wasche dein Angesicht, damit du dich nicht vor den Menschen zeigst mit deinem Fasten, sondern vor deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten öffentlich.“ (Matthäus 6,16-18)

Die Heiligen Väter der Kirche deuten die Worte des Erlösers einstimmig als Ruf zu einem tiefen inneren Leben, in dem das Fasten ein inniges Geheimnis zwischen der Seele und Gott ist und kein Anlass für Eitelkeit und Heuchelei. Im Originaltext des Neuen Testaments wird die Heuchelei mit dem griechischen Wort ὑπόκρισις (hypokrisis) bezeichnet – ein Begriff, der in der Antike das Spiel eines Schauspielers bedeutete, der eine Theatermaske trägt. Im geistlichen Sinne ist der Heuchler eben ein solcher „Schauspieler“, der Frömmigkeit vor den Menschen imitiert, um deren Lob zu ernten.

Der heilige Johannes Chrysostomos und der heilige Basilius der Große erinnern uns daran, dass das Streben nach solcher irdischen Anerkennung die Frucht der Enthaltsamkeit verdirbt (hl. Johannes Chrysostomos, „Homilien zum Evangelisten Matthäus“, Homilie 20: „Der Teufel versucht, das gute Werk des Fastens... durch die Eitelkeit zu zerstören“), während der Verzicht auf Nahrung ohne die Abkehr von der Sünde täuschend und nutzlos bleibt (hl. Basilius der Große, „Erste Homilie über das Fasten“: „Beschränke den Nutzen des Fastens jedoch nicht allein auf die Enthaltsamkeit von Speisen, denn das wahre Fasten ist die Abkehr von bösen Taten“).

Deshalb symbolisiert nach dem seligen Theophylakt von Ohrid der Ruf Christi, unser Angesicht zu waschen und unser Haupt zu salben, die Reinigung des Gewissens durch die Reue und die Erfüllung des Geistes mit Gnade und Barmherzigkeit (sel. Theophylakt von Ohrid, „Erklärung des Evangeliums nach Matthäus“, Kapitel 6: „Unter dem Haupt verstehe den Verstand, unter dem Öl aber die Barmherzigkeit... Das Angesicht wiederum drückt unser Leben aus, das wir mit Tränen der Reue waschen müssen“). So wird das Fasten nur dann zu einem wahren Gnadenmittel, wenn es mit geistlicher Freude gelebt wird und dauerhaft mit Werken der Nächstenliebe und Barmherzigkeit verbunden ist.

Vom Fasten der Speisen befreit sind Schwangere, Stillende, Kranke, Schwache, kleine Kinder und ältere Menschen. Ungeachtet dessen ist es notwendig, die persönliche Fastenregel mit den Empfehlungen eines orthodoxen Priesters abzustimmen, der mit dem Leben des Gläubigen vertraut ist!

Am 21. November feiert die Kirche das große Marienfest „Einführung der Gottesgebärerin in den Tempel“ (Mariä Opferung). Als die kleine Maria das dritte Lebensjahr vollendet hatte, führte der Hohepriester Zacharias sie in den innersten und heiligsten Teil des Offenbarungszeltes – in das „Allerheiligste“. An diesem heiligen Ort hinter dem zweiten Vorhang des Jerusalemer Tempels war der Zutritt sowohl Frauen als auch einfachen Priestern untersagt. Einzig der Hohepriester, und zwar nur einmal im Jahr, hatte Zugang zum Heiligtum, um ein Sühnopfer für seine Sünden und die Sünden des Volkes darzubringen.

Dieses historische Ereignis ist nicht nur eine lebendige Erinnerung, sondern eine tief mystische Vorahnung des menschlichen Heils und der Übergang vom Alten zum Neuen Testament. Der heilige Gregorios Palamas erklärt, dass die Einführung der dreijährigen Maria in das irdische „Allerheiligste“ ein göttlicher Hinweis auf ihre einzigartige Rolle ist; denn sie betritt das von Menschenhand geschaffene Heiligtum, um sich vorzubereiten und selbst zu einem nicht von Menschenhand geschaffenen, lebendigen Tempel zu werden, der das unermessliche Wort Gottes in ihrem Schoß aufnehmen wird (hl. Gregorios Palamas, „Homilie auf die Einführung der Gottesgebärerin in den Tempel“). In seinen Überlegungen betont der heilige Johannes von Damaskus, dass dieses Ereignis die vollständige Abkehr der Seele von der weltlichen Eitelkeit und ihre Weihe an Gott symbolisiert, wobei die Allheilige Jungfrau in beständiger Schau (Theoria) und im Gebet verweilt und so der Sünde die Türen verschließt (hl. Johannes von Damaskus, „Homilie auf die Geburt und die Einführung der Allheiligen Gottesgebärerin“). Der heilige Germanos von Konstantinopel fügt hinzu, dass ihr Aufenthalt im Tempel ein klares Zeichen für die Welt ist, dass Gott bereits Sein eigenes Kommen unter die Menschen vorbereitet, was das Fest zu einer feierlichen Ankündigung der Menschwerdung Gottes macht (hl. Germanos von Konstantinopel, „Homilie auf die Einführung der Allheiligen Gottesgebärerin“).

In Bulgarien ist dieser Tag als „Tag der orthodoxen christlichen Jugend und der christlichen Familie“ festgelegt. Aus diesem Anlass wird in unserer Gemeinde in Hamburg am Samstag die Göttliche Liturgie um 10:00 Uhr gefeiert, zu der wir die orthodoxe Jugend und die Familien aus der Stadt und der Umgebung von ganzem Herzen einladen!

Mit den besten Wünschen für eine leichte und von Liebe erfüllte Fastenzeit,

Bulgarische Orthodoxe Kirchengemeinde „Die Heiligen Kyrill und Methodius“, Hamburg.

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